wiederentdeckt, festschrift von 1956 calemunzia

#1 von bockes , 26.07.2010 09:51

wirklich schön was in der festschrift von kallmünz
so alles berichtet wird, auch über die jarhundertwende
hinweg... hier nun auszugsweise der text, die gesamte
festschrift liegt vor und ist im innern des forums zu lesen.

Aus der Festschrift „Calemunzia“ 1956


Liebe Landsleute!

Nun ist es endlich wieder so weit, daß Ihr gemeinsam
in die alte Heimat kommt! Ihr und wir freuen uns
herzlich darüber. Es gilt, das 65te Gründungsfest der
,,Chalemunzia" zu feiern.

Vieles hat sich seit dem 13. Juni 1891, da heimattreue
Kallmünzer in München beisammen saßen und die erste
oberpfälzische Landsmannschaft ins Leben riefen, ereignet
und verändert. Die Gründer verweilen nimmer unter
uns.

Ihr Andenken bleibt in Ehren, solange sich Kallmünzer
Landsleute in der Münchener Stadt zusammen-
finden und in der Fremde ein kleines Eiland, das sich
Heimat nennt, zu halten verstehen.


Ihr kommt wieder zu uns und werdet feststellen, dass auch hier die Zeit nicht stille steht, daß auch die alte Heimat ihr Gesicht ändert. Manch altverraute Menschen müßt Ihr vermissen, neue Jugend wächst heran.
'Wollen wir Älteren nicht ein wenig inne halten und zurückschauen in unsere Kinderjahre, in die Zeit vor 50 Jahren ?

Wie war damals wirklich alles anders!

Da gab es Nachtwächter, die alle Stunden der Nacht anbliesen und gar anschließend sangen:,,Liebe Leut laßt euch sagen, der Hammer hat 12 geschlagen usw.".

Man brauchte einen Laternenanzünder, der vormittags alle Lampen herausnahm, sie säuberte und auffüllte.
Abends mußte er nochmals mit der Leiter kommen und jede Petroleumlampe in der Laterne anzünden. Heute wird durch einen Druck auf den Knopf die ganze Kallmünzer Straßenbeleuchtung an- und eingeschaltet, auch auf die Brenndauer.

Gelbe Postkutschen und Postillione in schmucker Uniform passten gut ins Landschaftsbild. Boten fuhren mit Frachtwägen wöchentlich nach Regensburg und regelten den Handelsverkehr. Botenfrauen gabs, die Sommerszeiten mit Beeren und Pilzen, schwere Bürden zu Fuß
nach Regensburg trugen und für die ganze Nachbarschaft Besorgungen erledigten und wiederum schwer beladen heimkehrten.
Der Hirte blies ins Horn, dann wurden die Rinder abgekettet und fanden zu ihm und abends wieder in ihren Stall.
Es gab Männer, die als Steinklopfer mit harter Arbeit und kargem Lohn an den Staßenrändern saßen und ihr Brot mühselig verdienten.

Als wir Kinder waren, gingen mehrere Männer und Burschen zu Fuß nach Maxhütte, bei 12 Stunden Arbeitszeit. Heute fährt zu jeder Schicht
ein Arbeiterbus dorthin. Die meisten landwirtschaftlichen Kleinstbetriebe verschwanden. Viel Menschen- und Tierschinderei ist dadurch beseitigt. Andere Landwirte konnten dafür ihren Betrieb vergrößern und erträglicher gestalten. Wieviel Plage machte bloß das Herbeischaffen des Wassers und wie bequem wird uns durch die Wasserleitung diese Mühe abgenommen.

Es ist schon auch bei uns besser geworden, trotz zwei verlorener Kriege. Alles ist schöner eingerichtet und lebt anspruchsvoller als damals.
Radio und Lichtspiele waren unbekannte Dinge. Die größeren Kinder mussten ihre kleinen Geschwister beaufsichtigen oder Gänse und Kühe hüten, leichte Haus- und Feldarbeit verrichten.

Wir durften auch spielen, Schussern, Bärentreiben, Stoinln, ,,Schlüsserl vergraben'!, ,,Der Engel mit dem goldenen Stab", ,,Schneider, Schneider leih mir die Scher" und wie die Spiele alle hießen. Wenn das Gebet
läutete, ging es schnellstens nach Hause. Wer einem in den Weg lief, bekam einen ,,Gutenacht"-Schlag. Im Sommer schenkte dann die Naab Badefreuden und die Wälder Beeren. Im Winter gab es gesunde, einfache Vergnügen durch Schnee und Eis. Der Jahreslauf schenkte zu den Festen immer wieder andere Freuden. Eine Kinderhand war damals so schnell gefüllt und man war über Kleinigkeiten hochbeglückt.

Dann sorgten Originale für Abwechslung. Wenn der ,,Prede-Sepp" kam, hörten wir ihn an und begleiteten ihn bis zum Schuderer Keller, wo er Mühe hatte, uns mit stets freundlichen Worten heimzuschicken. Der arme blinde Hütwastl (Besenhardt schrieb er sich) fand immer viel Begleitung, wenn er seinen Sonntagsgang zum Friedhof machte, Er war stets sauber angezogen und seine Mutter sorgte für ihn, wie sie das
eben in ihrer Armut konnte. 'Wastl war verbittert und sagte immer laut vor sich hin: ,,Mei Mutter ißt's Fleisch und i, der blind Narr, hob nix", das war aber seine Einbildung und nicht wahr. Er fuchtelte mit seinem Holzstecken dabei in der Luft umher. Einmal kam die Schreiberin dieses zu sehr in seine Nähe und ein richtiger Schlag saß an meiner Stirne, der sofort eine Beule wurde. Ich trags ihm nicht nach. Dann war der Girgl da, der meistens einen Zylinderhut trug und eine Menge Fünferl und Zehnerl zwischen den Fingern hatte, die er sich durchs ,,vorexerzieren"
in den Gasthäusern verdiente. Er trank nie Bier, sondern Kaffee. Er schlief im Ross-Stall des Gasthofes zur Post. Dort bekam er für verschiedene Kleinarbeiten auch das Essen. Für sein Gewand mußte seine Heimatgemeinde Schirndorf sorgen. Sein Lebenselexier war der
Schnupftabak und seine Lieblinge die Steinengel auf der Naabbrücke beim Johannes. Im Vorbeigehen bekamen sie stets einen frommen Kuß und eine Prise unter die Nase. Es war gut gemeint.

Die Kirwafreude erhöhte der ,,Kaiser" mit seiner ,,Reitschul", die er gegen ein kleines Gütl eingetauscht hatte. Bei den Klängen der Drehorgel, die den ganzen Tag den Rattenfänger von Hameln herunterleierte, gab es kaum was Schöneres als hoch zu Roß oder in einer Kutsche im Kreis gedreht zu werden. Die ,,Reitschul" war auch mit Samt und Goldflitterverzierung geschmückt. Als ihm die Reitschul nicht mehr behagte, vertauschte Kaiser sie gegen eine Kirm und ergriff den Wander-Bettelstab. - Zuletzt war das Karussell im Besitz von Landwirt Wolfgang Merl.

Viel Freude schenkte an Jahrmärkten auch der Schlosser Pauli (Eberl) mit seinem selbstgebastelten Guckkasten, in dem man die halbe Welt sah. Seine Frau verfertigte in langwieriger Geduldsarbeit aus buntem
Glanz-Papier und Stroh ,,Unruhen" und ,,Heilig-Geist- Vögel", die sie verkaufte. Erinnert Ihr Euch noch an den alten Schneeberger und seine Drehorgel mit den Spiegelwänden und den tanzenden Püppchen?

Als er als 70 er nochmals heiratete, nahm er nach der Trauung seine Braut in die Arme und rief : ,,Juhu, 's Bärberl ist mein".
's Bärberl hatte schon 3 Männern ins Grab sehen müssen und als Pfarrer Nickl von einer weiteren Heirat abraten wollte, überhörte sie die Ratschlage und sagte nur: ,,Ja Hochwürden, die Gnad haben halt wenige, daß sie viermal dal hl. Sakrament der Ehe empfangen dürfen.

Da sehe ich auch den Mesner Kaspar Höllriegl vor mir, wenn er auf Drängen die ,,Wachsfigur', machte. Er wurde dabei in ein weißes Bettuch gewickelt, so dass nur sein blasses Gesicht zu sehen war. Eine Kaffeemühle zwischen den Knien wurde gedreht, dabei ging sein Mund langsam bis zu den Ohren fast auf und wenn retour gedreht wurde, wieder zu. Auf Kommando konnte die .Wachsfigur lachen und wenn ihr der Bierkrug an den Mund gehalten wurde, auch tüchtig trinken.
Es sah diese Wachsfigur wirklich gespensterhaft aus und immer erntete der Mesner reichen Beifall.

Herr Jakob Heilingsfelder, der Postbote, sei noch erwähnt. Stets half er uneigennützig Feste äußerlich verschönern. Denken wir an die vielen Ehrenpforten die er zeitlebens anfertigte ! Er sorgte für Bänke, daß der Spaziergänger an schönen Plätzen ausruhen und verweilen konnte. Er war immer um das Ansehen unseres Ortes bemüht. Dann war das Spittel da, dessen mannigfachen Bewohner sich durch den Tod ablösten. Es war eben die letzte Zufluchtsstätte für verarmte Bürger und sonstige Ortsarme.

Was das Essen betraf, ging es den Spittelleuten nicht schlecht. Die Bürger erhielten für sie Kostzettel und jede Bürgersfau war schon ihres guten Namens willens bemüht, die Kostgänger zufrieden zu stellen.
So lebten die Spittelleute besser als die meisten anderen Ortsbewohner. In Krankheitsfällen waren sie auf die Hilfe ihrer Mitbewohner angewiesen.

Von den Frauensleuten dürfen wir die alte Zengetbäckerresl nicht vergessen. Sie war eine fromme Seele und neben Geistl. Rat Dietz, dem Gründer des Kinderhauses, in damaliger Zeit des Hauses größte Wohltäterin. Mit bescheidensten Mitteln war das Kinderheim
unter persönlichen Entbehrungen des Gründers entstanden. Die Resl focht die ganze Gegend für die Anstalt ab und schleppte die Naturalien, die sie bekam, dorthin. Um die Sauberkeit der Kirche machte sich die Resl bis ins Alter Mühe. Als Förderin des Kindheit-Jesu-Vereins
bestimmte sie auch, wer die Vereinsfahne am Kranzltag
abwechselnd tagen durfte. Für uns Mädchen war sie deshalb eine wichtige Persönlichkeit, ebenso Frl. Rosa Schmetterer. Diese bestimmte die Trägerinnen der Figuren und Lilien bei der Prozession. Um sich in
Erinnerung zu bringen, plagte man die Mutter um einen Einkauf in der Fronleichnamswoche im Schmerterer- Laden. Da sicherte einem Frl. Rosa dann so ein Ehrenämtchen zu. Für Ordnung bei der Prozession am Prangertag bei uns weißen Mädeln, sorgten beide Vorgenannte.
Er war doch der festlichste Tag des Jahres, der mit Zapfenstreich und Böllerschießen eingeleitet wurde und mit einem Tag- Reveille begann.

Die Birner Mutter war in ihren jüngeren und mittleren Jahren recht um die Erstkommunionkinder besorgt. Im Mesnerhaus 'wohnte die alte Kathrin. Sie diente, so lang das ging, bei Bauern. Im Alter machte sie sich noch etwas mit Gartengießen und dergleichen bei Kaufmann Knauer-Steitl nützlich und erhielt dafür das Essen. Die meisten Stunden des Tages kartätschte sie Wolle für Bauersleute. Sie wußte gruselige Geistergeschichten, die wahr waren und sonst kecken Burschen
die Angst ein jagten. Sie war eine in Ehren alt gewordene Jungfrau, was aber die bösen Kinder nicht hinderte, die gute Alte bei der Arbeit zu stören und sie mit dem Sprüchlein:

Katharine bist drinna
'Wieviel host Kinda
100 und ein Sackerl voll usw. zu ärgern.

Das Brunnbäcker Annamirl, ein zierliches, sauberes Persönchen,
soll auch nicht vergessen sein. Sie strickte für Leute und beaufsichtigte Kinder. Als das nimmer ging, lebte sie von wohltätigen Leuten. Ihr Lieblingsspruch war: ,,Ist dös ein Kampf um dös bisserl Leben".

Man muß sich wundern, wie in der ,,guten alten Zeit" manche zu vegetieren gezwungen waren. Es gab keine Rente. Wie geduldig sie dabei blieben, zeigt der Spruch der alten Bären-Resl,.die meinte: ,,Jeder Stand ist von Gott, auch der Bettlstand".

Anderseits zählte ein ,,Vergelts Gott" soviel, daß der oft selbstlose Geber (in Überfluss lebten sehr wenige), sich reichlich für seine Gabe belohnt fand. Mir sagte kürzlich eine 60 jährige, die mit ihren Nachkommen keine Not mehr kennt, daß ihr vor 30 Jahren verstorbener Vater vorm Sterben den Wunsch äußerte:
,,Einmal hatte ich doch auf einem Kanapee sitzen mögen,
daß ich wüßte, wie das wäre.

Es gäbe noch viele Erinnerungenl Z. B. an die Schulzeit und die Lehrpersonen. Jedes hat ferner seine Leute,
die ihm im Gedächtnis bleiben. Es können diese Zeilen nur ein kleiner, unvollkommener Rückblick sein. Da ist H. H. Geistl. Rat Dietz, der durch Gründung seines Waisenhauses weitere Kreise auf Kallmünz ufmerksam
machte. Hiezu dürfen wir auch den Volksschullehrer J. B. Laßleben
zählen, der durch seine ,,Oberpfalz,,, deren Erscheinen er eben vor 50 Jahren ankündigte, Kallmünz nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland bekannt rnachte.

Ferner den Kunsttöpfer Josef Glötzl, dessen
Erzeugnisse 1906 in der Großen Landesausstellung in Nürnberg die ,,Goldene" und 1910 in Regensburg die Silberne Medaille erhielten und weithin, bis nach Amerika verschickt wurden. Aber nun wieder zur Gegenwart: Es ist, wie ich eingangs sagte, auch bei uns besser geworden. Diese Tatsache soll Euch, liebe Landsleute, den Aufenthalt in der alten Heimat verschönern. Es ist doch angenehmer, wenn man sich mitfreuen kann, als wenn man mitjammern muß!
Und nun wünsche ich Euch recht freundliche Tage und gutes Wetter, das braucht man in unserer felsigen Juralandschaft, die unter blauem Himmel nochmals so schön ist.

Mir sagte eine Italienreisende, als wir an einem Sonnentag
auf der Höhe des Krachenhausener Hütberges standen: ,,Da braucht man wirklich nicht nach Italien reisen, man denkt sich statt des Wacholders Pinien, dann ist ltalien hier".

Liebe Landsleute, laßt Euch den Besuch nicht gereuen,
Ihr wundert Euch ein wenig, daß in den letzten fünf Jahren Kallmünz nach allen Seiten hin gewachsen ist. Das kommt auch von den besseren Zeiten.

Bleibt gesund und kommt in fünf Jahren Alle wieder!

Es grüßt Euch
eine Kallmünzerin

Babette Bredow




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zuletzt bearbeitet 26.07.2010 | Top

passende fotos dazu

#2 von bockes , 26.07.2010 10:32

diese fotos aus meiner umfangreichen sammlung passen zur der beschriebenen zeit,
daher lade ich sie mal in das forum hoch, es handelt sich um die schulklassen
der zeit von 1937- 1940 mit lehrer august hubmann und lehrerinn beck katharina,
äusserst schwierig und langwierig war es nach solanger zeit alle namen zu finden,
dennoch habe ich es mit hilfe von alois graßl geschafft, die druckfähige version
mit allen namen demnächst im inneren des forums.

p.s. beachten sie beim bild lehrerinn beckmann, die nagelschuhe, die man
teilweise damals hatte um die schuhe zu schonen !!




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